Archive for February, 2009

Bericht aus China — Die Frau mit den Goldenen Händen (2)

Für Dr. Lu Jing ist das einzigartig: „Immer mehr werden es schaffen, aus den traditionellen Karriere-Möglichkeiten für Blinde aus zu brechen“, schwärmt sie nicht ohne Wehmut in der Stimme. Sie hatte diese Chance nicht.

Zwar sind Blinde im Gegensatz zu geistig Behinderten in China voll in die soziale Gemeinschaft integriert. Aber ihre traditionellen Berufsfelder beschränken sich immer noch auf das Pianostimmen, leichte Handwerksarbeiten oder die medizinische Ausbildung zum Masseur, Akupunkteur oder Physiotherapeut.

Dabei sind Chinesen besonders stolz auf die künstlerischen Leistungen von Blinden: Der erste geschichtlich erfasste blinde Musiker, Shi Kung, lebte im 6. Jahrhundert vor Christus. Eines der populärsten chinesischen Musicals wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert vom blinden Komponisten Hua Yanjun, vom Volksmund „Blinder Ah Bing“ genannt, komponiert. Und die traditionelle chinesische Massage ist schon 230 Jahre vor Christie Geburt von blinden chinesischen Ärzten erfolgreich angewandt worden.

Aber Dr. Lu Jings Wunsch war es keineswegs sich zur Ärztin für traditionelle chinesische Massage ausbilden zu lassen. „Mein Traum war es, Pädagogin für Mathematik und Englisch zu werden. Aber ich hatte nicht den Mut, das durch zu setzen.“ Als einzige Blinde unter vier Geschwistern wollte sie niemanden zur Last fallen. Die in Nanjing in der Provinz Jiangsu speziell für Blinde geschaffene Massageschule war deshalb für sie die einzige Möglichkeit, später einmal auf eigenen Füßen stehen zu können. Dort lernte sie auch ihre beste Freundin, Gu Xiaosu kennen, die erfolglos versucht hatte, aus dem vorgegebenen Schema für Blinde auszubrechen.

Gus Vater und Mutter hatten ihre einzige Tochter ermutigt, Ingenieurwesen zu studieren. „Ich habe nach der normalen Schulzeit drei Jahre lang die Technikerschule besucht. Mein Vater, der selbst Ingenieur ist, unterstützte mich. Aber es war nicht das, was ich wirklich wollte.“ Die junge Frau gab schließlich auf und ließ sich ebenfalls zur Ärztin für Rückenleiden umschulen. Ihrem Traumberuf hängt sie immer noch nach: „Schauspielerin wollte ich werden. Völlig aussichtslos“, kommentiert sie traurig.

Nach dem Examen gingen die Wege beider Frauen auseinander. Dr. Lu Jing perfektionierte ihre Massagetechniken sechs Jahre lang in Shanghai. Dort lernte sie in einer Massageklinik ihren ebenfalls blinden Mann kennen und ging mit ihm in seine Heimatstadt Suzhou in der Nähe von Shanghai. Dr Gu Xiaosu, war nach dem Examen fast ein Jahr lang arbeitslos. Sie hielt sich mit Therapien für Freunde übers Wasser. Jahre später führte der Zufall beide Frauen in Suzhou wieder zusammen.

( Fortsetzung folgt… )

 

Bericht aus China — Die Frau mit den Goldenen Händen (1)

von Sirikit Loewenherz-Güner

die Frau mit den Goldenen Händen pic001Wenn Dr. Lu Jing jeden Abend kurz nach 22 Uhr ihre Habseligkeiten vorsichtig tastend in die Handtasche packt, sind ihre Finger fast taub. Ihre Arme sind lahm, als hätte sie stundenlang Wäsche aufgehängt und der Rücken schmerzt schrecklich. Eine Massage, denkt Sie voller Ironie, ja, das wäre es jetzt. Aber das ist das Letzte, woran sie nach Feierabend noch erinnert werden will. Denn Doktor Lu Jing ist Spezialistin für traditionelle chinesische Massagen - weil sie blind ist!

1,3 Billionen Menschen leben in China, dem flächenmäßig drittgrößten Land auf dieser Erde. Davon sind rund 83 Millionen behindert. Nach dem schweren Erdbeben in Sichuan dürften es Zigtausende mehr sein.

Unglaublich hoch ist die Zahl blinder Chinesen: Neun Millionen, das macht 20 Prozent der Blinden-Weltbevölkerung aus und übersteigt die Population von Ländern wie Dänemark und Norwegen.

42 Prozent aller Betroffenen, so die renommierte australische Fred-Hollow- Gesundheitsstiftung verloren ihr Augenlicht durch die Krankheit „Grauer Star“. Zu wenig ausgebildete Augenärzte, zu wenig Vorsorge und kein Geld für Operationen sind die Hauptgründe, weshalb die Zahlen jährlich um 400.000 neu Erblindete anwachsen. 23 Prozent sind von Geburt an blind. Dazu zählt auch die 35-jährige Doktorin Lu Jing aus Nantong in der Provinz Jiangsu an Chinas boomender Ostküste.

Als im August vergangenen Jahres mit den erstmals in China ausgetragenen Olympischen Spielen, die gigantischste Sportparty der Welt über die internationalen Kanäle flimmerte, konnte sie davon nichts sehen.

Aber der olympische Traum ist für die Blinden Chinas längst nicht ausgeträumt. In Peking hat sich eine siebenköpfige Gruppe junger Blinder zu Radioreportern ausbilden lassen. Sie berichteten über die nicht weniger spannenden Paralympics, die Olympiade der Behinderten.

Die erst 2006 gegründete gemeinnützige chinesische Behinderten-Organisation „Eins plus Eins“ hat es möglich gemacht. Gründer und Direktor Xie Yan, ein IT Computerspezialist, der an Knochenkrebs erkrankt ist, will behinderte Menschen an speziell für sie entwickelte Computer-Technologien heranführen. Vor fünf Jahren hat die Chinesische Regierung mit rund fünf Millionen Yuan (500 000 Euro) die Entwicklung spezieller Audio-Software für Blinde gesponsert. Xie ist sicher, Sehbehinderten damit bessere Berufschancen bieten zu können. Doch bis jetzt können sich nur wenige Blinde einen Computer leisten.

( Fortsetzung folgt… )