Bericht aus China — Die Frau mit den Goldenen Händen (1)
Posted in Bericht aus China on 02/02/2009 10:50 pm by admin
von Sirikit Loewenherz-Güner
Wenn Dr. Lu Jing jeden Abend kurz nach 22 Uhr ihre Habseligkeiten vorsichtig tastend in die Handtasche packt, sind ihre Finger fast taub. Ihre Arme sind lahm, als hätte sie stundenlang Wäsche aufgehängt und der Rücken schmerzt schrecklich. Eine Massage, denkt Sie voller Ironie, ja, das wäre es jetzt. Aber das ist das Letzte, woran sie nach Feierabend noch erinnert werden will. Denn Doktor Lu Jing ist Spezialistin für traditionelle chinesische Massagen - weil sie blind ist!
1,3 Billionen Menschen leben in China, dem flächenmäßig drittgrößten Land auf dieser Erde. Davon sind rund 83 Millionen behindert. Nach dem schweren Erdbeben in Sichuan dürften es Zigtausende mehr sein.
Unglaublich hoch ist die Zahl blinder Chinesen: Neun Millionen, das macht 20 Prozent der Blinden-Weltbevölkerung aus und übersteigt die Population von Ländern wie Dänemark und Norwegen.
42 Prozent aller Betroffenen, so die renommierte australische Fred-Hollow- Gesundheitsstiftung verloren ihr Augenlicht durch die Krankheit „Grauer Star“. Zu wenig ausgebildete Augenärzte, zu wenig Vorsorge und kein Geld für Operationen sind die Hauptgründe, weshalb die Zahlen jährlich um 400.000 neu Erblindete anwachsen. 23 Prozent sind von Geburt an blind. Dazu zählt auch die 35-jährige Doktorin Lu Jing aus Nantong in der Provinz Jiangsu an Chinas boomender Ostküste.
Als im August vergangenen Jahres mit den erstmals in China ausgetragenen Olympischen Spielen, die gigantischste Sportparty der Welt über die internationalen Kanäle flimmerte, konnte sie davon nichts sehen.
Aber der olympische Traum ist für die Blinden Chinas längst nicht ausgeträumt. In Peking hat sich eine siebenköpfige Gruppe junger Blinder zu Radioreportern ausbilden lassen. Sie berichteten über die nicht weniger spannenden Paralympics, die Olympiade der Behinderten.
Die erst 2006 gegründete gemeinnützige chinesische Behinderten-Organisation „Eins plus Eins“ hat es möglich gemacht. Gründer und Direktor Xie Yan, ein IT Computerspezialist, der an Knochenkrebs erkrankt ist, will behinderte Menschen an speziell für sie entwickelte Computer-Technologien heranführen. Vor fünf Jahren hat die Chinesische Regierung mit rund fünf Millionen Yuan (500 000 Euro) die Entwicklung spezieller Audio-Software für Blinde gesponsert. Xie ist sicher, Sehbehinderten damit bessere Berufschancen bieten zu können. Doch bis jetzt können sich nur wenige Blinde einen Computer leisten.
( Fortsetzung folgt… )
07/05/2010 at 6:03 pm
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